Nr. 080-5/05
“Es gibt noch ein immenses betriebliches Potential zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das genutzt werden muss?. Dies unterstrich Arbeits- und Familienministerin Malu Dreyer heute in Mainz bei der Vorstellung einer Studie zur familienfreundlichen Gestaltung der Erwerbsarbeit in Rheinland-Pfalz. Die Untersuchung des Instituts für Soziologie im Auftrag des Ministeriums habe gezeigt, dass noch stärker das Bewusstsein bei den Betrieben geweckt werden müsse, dass Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf sich auch betriebswirtschaftlich rechnen. Das Thema genieße bei vielen der befragten Arbeitgeber zwar eine hohe Wertschätzung, gehe es aber um die konkrete Umsetzung, sähen sich viele nicht in der Pflicht. Dies zeige, dass das Ministerium mit der Unterstützung des Audits Beruf und Familie den richtigen Weg eingeschlagen habe, da dieses Verfahren neben der Information auch die konkrete Begleitung auf dem Weg hin zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf biete.
“Die Politik kann und will den Unternehmen Familienfreundlichkeit nicht aufzwingen; um so wichtiger ist es, sie zu informieren und davon zu überzeugen, dass eine konsequentere Berücksichtigung der Anliegen von Familien im Betrieb im Interesse aller liegt?, unterstrich die Ministerin. Sie suche daher den intensiven Dialog mit Unternehmen und Verwaltungen, um sie davon zu überzeugen, dass sich entsprechende Maßnahmen auch betriebswirtschaftlich lohnen. Ein Instrument dazu sei das Audit “Beruf und Familie? der Hertie-Stiftung, das vom Land gefördert wird. Darüber hinaus kündigte die Ministerin eine Handreichung zur familienbewussten Personal- und Unternehmenspolitik mit praxisrelevanten Informationen und Best-Practice-Beispielen an. Im Dezember soll es einen Kongress rund um das Thema familienfreundliche Arbeitswelt geben, der dazu beitragen solle, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu fördern. Auch der Landesbeirat für Familienpolitik, auf dessen Initiative hin die Studie in Auftrag gegeben worden ist, werde das Thema weiter verfolgen, so die Ministerin.
Im Rahmen der Studie, die Professor Dr. Norbert Schneider vom Institut für Soziologie vorstellte, waren 528 Arbeitgeber, 358 Arbeitnehmer und 21 Personalleiter, Betriebsratsmitglieder und Vertreterinnen und Vertreter von Gewerkschaften befragt worden. 73 Prozent der befragten Arbeitgeber nehmen eine familienfreundliche Ausgestaltung der Region als einen Standortfaktor wahr; dies wird von knapp zwei Dritteln auch als Vorteil bei der Anwerbung von Arbeitskräften empfunden. 89 Prozent glauben, dass die Arbeitszufriedenheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einer besseren Vereinbarkeit steigt. Zwei Drittel sind von einer höheren Leistungsfähigkeit durch familienfreundliche Angebote überzeugt. Viele Arbeitgeber - insgesamt fast 70 Prozent - glauben jedoch, dass mehr Familienbewusstsein betriebswirtschaftlich eine höhere Kostenbelastung für sie mit sich bringt oder bestenfalls ein Nullsummenspiel ist. Dazu passt das Ergebnis, dass fast die Hälfte entsprechenden Maßnahmen für den eigenen Betrieb nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle zumessen.
Diese Haltung spiegelt sich auch im konkreten Handeln wider: Aus acht Handlungsfeldern, in denen familienfreundliche Maßnahmen möglich sind, bieten 27 Prozent der Arbeitgeber in lediglich einem Feld Maßnahmen an, 25 Prozent in zwei Feldern und 11 Prozent bieten überhaupt keine Maßnahmen an. Gründe dafür sind zum einen, dass Führungskräfte die Informationen und Aktivitäten von Land und Bund zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf kaum wahrnehmen: 78 Prozent kannten keine Initiative in dieser Richtung. Die Hälfte der Arbeitgeber gab darüber hinaus an, dass es aktuell wichtigere Probleme, wie beispielsweise Standortsicherung, gebe.
Die Arbeitnehmer sind zu 89 Prozent der Auffassung, dass mit familienfreundlichen Maßnahmen ihre Leistungsfähigkeit steige; über 99 Prozent glauben, dass sich solche Maßnahmen positiv auf ihre Arbeitszufriedenheit auswirken. 55 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bewerten ihre Arbeitsstätte mehrheitlich als familienfreundlich. Trotz der insgesamt großen Wertschätzung des Themas “Vereinbarkeit von Familie und Beruf? befürchten jedoch viele Erwerbstätige bei der Nutzung familienfreundlicher Maßnahmen berufliche Nachteile: etwa 50 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stufen die Nutzung beispielsweise von Teilzeitarbeit oder Elternzeit als Karriererisiko ein. Dies deckt sich im Übrigen mit den Angaben der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber: 64 Prozent der Arbeitgeber stimmen der Aussage zu, dass Führungskräfte familiäre Belange gegenüber den Anforderungen der Arbeit zurückstellen müssen.
“Das Thema Familienfreundlichkeit genießt in Rheinland-Pfalz eine generell hohe Wertschätzung. Die rheinland-pfälzischen Arbeitsstätten werden überwiegend als familienfreundlich eingestuft. Dennoch besteht weiterer Handlungsbedarf?, fasst Schneider die Ergebnisse der Studie zusammen. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber beurteilten die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen familienfreundlicher Maßnahmen generell positiv. Trotz dieser Bewertung sähen viele Arbeitgeber familienfreundliche Maßnahmen als betriebliche Sozialleistungen und nicht als lohnende Investitionen. Dementsprechend beschränke sich das Angebot an familienfreundlichen Maßnahmen vielfach auch auf flexible Arbeitszeiten.? “Familienfreundlichkeit? bedeutet “Kulturarbeit?: Erst wenn Familienfreundlichkeit ein integraler Bestandteil einer Unternehmenskultur ist, die von Unternehmensleitung, Vorgesetzten und Kollegen gelebt wird, kann sich eine Win-Win-Situation entfalten, von der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gleichermaßen profitieren?, so Schneider.