Nr. 015-5/07
Der wirksamste Schutz von Kindern vor Misshandlung ist nach Ansicht von Familienministerin Malu Dreyer die Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern. Mit ihrer Initiative ?Viva Familia? sei ein Maßnahmenpaket entwickelt und umgesetzt worden, das diese Kompetenzen fördern und insbesondere Familien in schwierigen Lebenslagen gezielt unterstützen soll, unterstrich die Ministerin heute in Mainz auf eine Große Anfrage der CDU-Landtagsfraktion. Es gehe dabei um möglichst frühzeitige und niedrigschwellige Hilfen, um problematische Entwicklungen bereits im Ansatz zu erkennen und ihnen entgegenwirken zu können. „Vernachlässigung von Kindern geschieht besonders häufig dann, wenn Eltern nicht in der Lage sind, ihr Elternrecht und ihre Elternpflicht zur Erziehung ihrer Kinder wahrzunehmen“, so die Ministerin.
?Viva Familia? setze bereits bei der Geburt eines Kindes an, um zu klären, ob die Eltern bei der Sorge für ihr Kind Unterstützung, Beratung und Begleitung benötigen. Mit dem Projekt ?Hebammen beraten Familien? werde beispielsweise der sehr frühe Kontakt der Hebammen zu den Familien genutzt, um den Familien praktische Hilfestellung bei Alltagsproblemen in der Phase nach der Geburt des Kindes zu geben. Diese Zielrichtung verfolge auch das Programm ?Auf den Anfang kommt es an?. In den vom Land geförderten Familienbildungsstätten und Familienzentren fänden Familien wichtige Anlaufstellen unter anderem auch zum Austausch mit anderen Familien. Das Projekt ?Gesundheitsteams vor Ort? ziele auf die Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Kindern, indem es Eltern motiviert, für den gesundheitlichen Schutz ihrer Kinder aktiv zu werden, zum Beispiel beim Impfschutz, bei der Beteiligung an Vorsorgeuntersuchungen oder bei der Zahngesundheit.
In den Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U9 sieht die Ministerin ebenfalls ein Instrument, um das gesunde Aufwachsen von Kindern zu unterstützen. So könnten Stoffwechselstörungen, Entwicklungsverzögerungen, die Anlage zu einer chronischen Erkrankung oder eine drohende Behinderung frühzeitig erkannt und durch eine entsprechende frühe Förderung auch behandelt und ihnen entgegengewirkt werden. Nähmen Eltern diese Vorsorgeuntersuchungen zu Gunsten ihrer Kinder nicht in Anspruch, könne dies ein erster Hinweis auf ein Nicht-Kümmern der Eltern sein. Es könne auch als ein Indiz für eine drohende Vernachlässigung oder Misshandlung gesehen werden. Zu beobachten sei, dass mit steigendem Lebensalter der Kinder die Inanspruchnahme der Untersuchungen zurückgehe, so die Ministerin. Liege die Teilnahme an der U1 in Rheinland-Pfalz, die unmittelbar nach der Geburt durchgeführt werde, noch bei 99 Prozent, nehme sie bis zur U9, bei der nur noch eine Beteiligung von etwa 83 Prozent erreicht werde, kontinuierlich ab. Auch sei die Inanspruchnahme von sozialen Faktoren abhängig, bei Eltern mit niedriger formaler Bildung oder mit Migrationshintergrund sei die Beteiligung im Durchschnitt niedriger.
Die Steigerung der Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen ist nach Angaben der Ministerin ein erklärtes gesundheitspolitisches Ziel der Landesregierung. Sie will dies unter anderem mit einem verbindlichen Einladungswesen erreichen, das verbunden ist mit einer Dokumentation der Inanspruchnahme und der Intervention, wenn Eltern die Untersuchungen für ihre Kinder nicht in Anspruch nehmen. Dazu seien noch einzelne verfassungs- und datenschutzrechtliche Fragen auf Bundesebene zu klären, beispielsweise die Möglichkeiten des Austauschs von Daten zwischen den einzelnen Stellen. Darüber hinaus werde das Ministerium gemeinsam mit der Landesärztekammer klären, wie die behandelnden Ärztinnen und Ärzte mit Fortbildungen darin unterstützt werden können, Anzeichen von Vernachlässigung und Misshandlung im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen besser erkennen zu können und wie in einem solchen Fall am besten der Kontakt zu den entsprechenden Institutionen herzustellen ist.
Um möglichst frühzeitig das Risiko von Misshandlung und Vernachlässigung im Einzelfall zu erkennen, sei auch die intensivere Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen und Institutionen unerlässlich, sagte die Ministerin. Dies seien insbesondere Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheits- und Bildungswesen, aber auch Polizei und Justiz. Das im vergangenen November begonnene Projekt ?Guter Start ins Kinderleben?, das in den Städten Ludwigshafen und Trier umgesetzt werde, setzt in diesem Sinne auf die engere Kooperation von Geburtskliniken, Kinderärztinnen und -ärzten, Frauenärzten, Hebammen, Gesundheits- und Jugendämtern, Kindergärten, Schulen und Beratungsstellen und damit auf die engere Vernetzung der unterschiedlichen Hilfeangebote vor Ort.